Alfred Lang

University of Bern, Switzerland

Conference Presentation 1995

Hat oder ist oder wird man Person? --

eine semiotisch-ökologische Person-Kultur-Konzeption

(Befunde und Erwägungen zu vermengten Innen- und Aussensichten subjektal-personaler Qualitäten)

1995.08

@Pers @CuPsy @SemEcoPro

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Beitrag zum Gemeinschaftsseminar der phil.-hist. Fakultät der Universität Bern in Münchenwiler zum Thema "Person, Persönlichkeit" am 8.-10. Juni 1995

© 1998 by Alfred Lang

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Inhalt


1. Einstieg

Zur Themenwahl: was soll ich einem Publikum aus einem breiten Spektrum von Geistes- oder Kulturwissenschaftlern zum Person-Problem präsentieren aus?

>>> eine oder zwei aus den Dutzenden bis Hunderten von psychologischen Konzeption der Person (allgemein) und Persönlichkeit (differentiell)?

>>> einen aus der derzeit wachsenden Zahl von Versuchen, eine soziale oder gar (seltener) kulturbezogene (soziogenetische) Theorie der Person zu entwickeln (die ausserhalb der Psychologie weit häufige sind als in ihr!)?

>>> eine Darstellung einer Auffassung von Person und Persönlichkeit, die eine solche Gegenposition gegen die individualistisch gesehene, in sich selbst eingeschlossene Person vor langem vorweggenommen hat: zB Herder im späten 18., Peirce im späten 19., Mead im 20. Jh.?

>>> oder -- was ich jetzt tue -- eine Skizze einer Möglichkeit, eine nicht-dualistische, nicht-cartesianische, anti-kantianische Konzeption zu entwickeln, welche

Nachdem alle Beiträge bisher historisch angelegt waren, auch der des Philosophen, gestatte ich mir, gewissermassen über die Möglichkeit von Geschichte nachzudenken.

Doch operiere ich natürlich in einer Geschichte, und setze den etwa von Peter Rusterholz beigebrachten Mach'schen und den nachfolgenden Wiener literarischen Erwägungen zur Auflösung der Einheit der Person (Hofmannsthal, Beer-Hofmann, Schnitzler, Musil, etc.) ein weiteres Glied an.

Durchaus in der Dialektik von Besonderung und Verallgemeinerung, wie sie uns in diesem Seminar von mehreren Beiträgen ( Peter Blickle, John Jackson, Verena Erich u.a.) eindrücklich erschlossen worden ist.

Damit vor allem auch ein Bogen vom Beitrag Kobusch zur Geschichte der Metaphysik der Person und den Postulaten ihrer Freiheit und Verantwortlichkeit her. Ich behaupte nicht, was ich tue sei in keiner Weise metaphysisch geprägt. Bloss, die metaphysischen Ausgangspunkte können inhaltlich mehr oder weniger präjudizierend sein. Ich beanspruche einen weitgehend neutralen (ob sie ihn metaphysisch verstehen wollen oder bloss als Arbeitsannahme, spielt keine grosse Rolle):

Vgl. Kobusch, Theodor (1994) Die Entdeckung der Person -- Metaphysik der Freiheit und modernes Menschenbild. Freiburg i.B., Herder. 300 Pp.

Nämlich anstelle einer zweigeteilten -- in Sein und Schein, in eigentlich (aber leider bloss fingiert) und uneigentlich (aber wirklich und stets hier und jetzt) -- eine einzige Welt, eine zusammenhängende, und eine werdende, eine evolutive (und natürlich auch vergehende).

 

2. Situierung meiner Aufgabe:Könnten wir aus dem dualistischen Holzwege-Dschungel nicht vielleicht ausbrechen, um weniger voreingenommene Vorstellungen von Person/Persönlichkeit eher von allgemeinen Erfahrungen statt von Setzungen her zu entwickeln?

Denn unser enormes Detailwissen über Welt und Leben -- gültiges wie problematisches --, stand ja den Begründern unserer fundamentalen Denkmuster nicht zur Verfügung. Sie waren in der Nachfolge von Plato auf "ewige Wirklichkeiten" und "irdischen Wandel als Schein" ausgerichtet und haben die den Wandel als Prinzip dieser Welt nicht wirklich ernsthaft erwogen, nicht nach Herder, und auch nach Darwin bis heute nicht in seiner ganzen Tragweite. Wir benötigen dringend Ausgangsbedingungen, die den sicheren Fakten gerecht werden. Das heisst nicht, jene seien aus diesen ableitbar!

Ein dringendes Anliegen, realistischere Sichten der menschlichen Kondition zu bilden.

a) Anzeichen häufen sich, dass die abendländische, "aufgeklärte" Auffassung von Person als autonomes Individuum, das sich sekundär aus Vernunftgründen sozialisiert (zB Menschenrechte fast ausschliesslich ans Individuum gebunden) scheitern wird

b) Denn die Aufforderung an jeden und jede, sich selbst zu verwirklichen bis an (und nicht selten ungestraft über) die Grenze des letalen Schadens für die analogen Bestrebung der andern, erweist sich zunehmend als ganz und gar nicht im allgemeinen Interesse, wie immer noch behauptet wird, sondern im Gegenteil zum allgemeinen Schaden für die ganze biotische Welt, einschliesslich also der Menschen selbst

c) Die Vermeidung der Risiken kann nicht anders erreicht werden als dadurch, dass die Voraus-Setzungen dieser Aufforderung zurückgenommen werden, nämlich die individuelle freie Person sei das Konstituens der Allgemeinheit; die Setzung ist durch ein realitäts-sensibleres, weniger anthropozentrisches Menschenbild auf- und abzulösen

d) oder man wird in die unangenehme Lage kommen, gegen die veritablen Setzungen dieses Menschenbildes selbst handeln zu müssen, nämlich indem man den freien Individuen immer mehr von ihrem Entscheidungsspielraum wegnehmen, bzw. auf Scheinfreiheiten in geregelten Spielwelten reduzieren muss. Das ist in den modernen Industrie- und Freizeitgesellschaften schon weitgehend im Gang und dringt zunehmend unerbittlicher in die Wissenschaften und in die Universität.

Tatsächlich ist in den abendländischen Gesellschaften das Feld der Person von zwei widersprüchlichen Institutionen beherrschscht

a) Jede und jeder sei einmalig und einzig und habe (letztlich nichts als) den Auftrag der Selbstverwirklichung -- das ist natürlich eine Überforderung

b) Ein zunehmend dichter werdenden Normensystem und Einrichtungen, wie das zu erfolgen habe: Lebenslaufregeln als der stärkste Ausdruck davon

Meyer, John (1987) Self and life course. In: G. M. Thomas; J. Meyer; O. Ramirez & J. Boli (Eds.) Institutional structure. Newbury Park, CA, Sage.

Es gibt gute Gründe zur Behauptung die Regelungsdichte habe gegenüber früheren Jahrhhunderte zugenommen; jedenfalls ist der Konflikt grösser geworden zwischen der aufgetragenen und vermeintlichen einerseits und der tatsächlichen Freiheit anderseits

Solche Kritik widerlegt nicht die Orientierung auf die Emanzipation der Menschen aus starren Herrschaftsbindungen zu autonomen Wesen. Sie impliziert keineswegs, es sei die Entwicklung der abendländischen Lebensformen ohne Wert. Aber sie unterstellt, diese "Befreiungen" seien nicht funktionell ohne den parallelen Gewinn von tauglichen Integrationen der Individuen in soziale Systeme, sie seien dysfunktional ohne die Koordination von Gruppen mit den sie übergreifenden Systemen.

 

2.1. Erwarten Sie aber nicht von einem empirisch orientierten aber ideengeschichtlich interessierten Psychologen, er könne Ihnen eine erhellende und praktikable Weise des Umgangs mit "Person und Persönlichkeit" erschliessen, welche über (psycho-)technischen Umgang mit Individuen wirklich hinausführt.

a) terminologische Mangellage: Begriffsübersicht

b) Person -- allgemein; Persönlichkeit -- differentiell

Person -- Strukturmodelle, dutzendweise

hier spiegelt sich die ganze Beliebigkeit, Kreishaftigkeit, Nominalität psychologischen Denkens: Annahmen und was daraus folgt

Persönlichkeit -- Idiographie (selten!), Typologie (angebl. veraltet), Dimensiologie (die n-dimensionale Messbarkeit, à la Körper in euklidischem Raum)

c) Person war nach frühen vereinzelten Versuchen (wie W. Stern um1900) ein zentrales Thema der Psychologie ca. 1930 bis 1970, seither geradezu tabuisiert, derzeit vielleicht wieder im Kommen

* Die Wurzeln dazu sehe ich in allerlei, untereinander verwandten Dualismen

 

2.2. Denn die moderne positivistische Psychologie ist bis heute Kind einer Hoch-Zeit des dualistischen Weltbilds. Die Persönlichkeitspsychologie ist im besonderen ist nichts anderes als eine isolierende und klassifizierende Nomenklatur oder Sprache, eine Linnäische Sicherheits-Sucht. Wie sich die Psychologie selbst von den anderen Wissenschaften absondert und in eine Natur- und Geisteswissenschaft aufspaltet, so isoliert sie auch ihren individualisierten "Gegenstand Mensch" aus seiner Umwelt und spaltet ihn dann gemäss ihrer eigenen Denkgewohnheiten in Leib und Geist, Maschine und Programm/Programmierer entzwei.

a) Reduktionversuche, weitgehend in zwei feindlichen Lagern, mit akademischen Vorherrschaftsansprüchen

b) Nahezu totaler Verlust beim heutigen Normalpsychologen von Einsichten in die Ideengeschichte; positivistische Eingeschlossenheit in Machbarkeitsvorstellungen betr. gewisser ad hoc Verbesserungen des menschlichen Wohlbefindens einerseits, idealistische Begriffswolken mit endlosen Datenausfällungen oberhalb der Realität

c) Ausmass an Dogmatisierung, vor allem der Methodik, aber auch der vorherrschenden Fragestellungen des Faches (die dann modisch wechseln), und entsprechende Kämpfe um Ansehen und Ressourcen (Forschungsgelder, Publikationsorgane, Berufungspolitik) die an Kirchenkämpfe erinnern.

 

2.3. Das dualistische Welt- und Menschbild seinerseits beruht auf metaphysischen Setzungen, die jeweils Aspekte eines tiefen Bruchs in der Welt markieren. Daran hat man sich sehr gewöhnt. Gibt es aber gute Gründe für die Annahme eines solchen Bruchs? Gibt es nicht bessere Gründe für ein Menschenbild, in dem Sachzwänge und Verantwortlichkeit ein- und derselben Welt so essentieller wie relativer Freiheit angehören?

a) ewiges Sein -- veränderlicher Schein

b) erkennendes Subjekt -- erkennbare Welt

c) das Wahre, Gute, Schöne -- das Schäbige (obgleich Wirkliche)

d) das Reich Gottes -- das irdische Reich

e) der Geist, das Formale -- die Natur, das Materielle

f) das Reich der Freiheit, die Person -- das Reich der Notwendigkeiten, die Natur (einschliesslich des Zufalls)

g) Primat des Individuums -- Primat des Sozialen

h) ...

 

2.4. Unsere Person- und Freiheitsbegriffe sind parallel zu unseren Erkenntnis- und Wahrheitsbegriffen Ausflüsse dieser Spaltungen; ich kenne keine tauglichen Brückenschläge zwischen den Reichen; die Hinzufügung einer dritten Welt (Popper) macht das Elend auch nicht besser. Auch die aktuellen Versuche, die Person linguistisch auf die Erzählung ihrer Geschichten zu reduzieren unterliegen solchen Setzungen und sind mE nicht weniger problematisch als ihre angestrebte neurobiologistisch-materialeReduktion.

 

2.5. So möchte ich lieber eine "aufsteigende" Auffassung davon entwickeln helfen, worauf Begriffe wie Person und Persönlichkeit und ihre Verwandten möglicherweise verweisen; besser vielleicht, statt der üblichen und die dinglichen Begriffe nahegelegten Substantialiserung dieser Entitäten möchte ich analog zu Humanität von Kulturalität und Personalitätals genuine Charaktere der menschlichen Kondition zu sprechen.

 

3. Methodischkönnten wir den Anspruch eines angeblich ausgezeichneten und allgemeinen Erkenntnisstandpunktes (epistemisches Subjekt, von dem ja eine Behauptung faktischer oder auch eine Setzung prinzipieller Autonomie des Individuums abhängig ist) aufgeben und uns auf kontrolliertes Darstellen und Vergleichen von unseren Aspekte von Welt von verschiedenen Blickpunkten aus beschränken, wissend, dass diese Darstellungen normalerweise zu Teilen der Welt werden (können). Verstehen aus Vergleichen reicht aus; entgeht zwar nicht dem Bewerten, wohl aber schwer korrigierbaren Präsuppositionen.

3.1. Hier war die Idee der Kontrastierung von Innensichten und Aussensichten auf die menschliche Kondition, die sich im ursprünglichen Unter-Titel niedergeschlagen hat; nicht hier auszuführen

a) dass die Freiheits-Vorstellung aus der Innensicht kommt und dann auf andere übertragen wird

b) dass nur eine Aussensicht in der Lage ist, die Sache unvoreingenommen zu betrachten

c) dass ich deshalb, so paradox das vielleicht tönt, eine Psychologie von aussen her betreiben will

das macht mich nicht zu einem Behavioristen, wohl aber zu einem sorgfältigeren Beobachter

d) Wie kommen wir denn dazu, aus bewusstem Erleben, Gewahrsein von ein oder zwei Sachverhalten aufs Mal ein Bewusstsein zu substantialisieren, wie wenn es ein Ding oder ein Behälter oder eine Maschine wäre?

sollte Sie diese Frage erschüttern, Ihren Widerstand einer Gewohnheit wecken, so bitte ich um eine Stunde Als-Ob.

3.2. Vergleichen muss und kann nicht bis ins letzte bestimmen; aber das für den Vergleicher Relevante herausschälen kann es allemal

 

3.3. Vergleichen setzt nicht einmal notwendig die Absolutsetzung einer Vergleichsperspektive voraus; aus vielerlei Vergleichsperspektiven lässt sich eine von jedem von ihnen wiederum weitgehend unabhängige Differenz erschliessen.

 

3.4. Die Philosophie ist unglücklicherweise dem Erkenntnisproblem und der Wahrheit als idée fixe weitgehend verfallen; und die Ethik hat sie auch unter den Gesichtspunkt des richtig-falsch gestellt. Darob freilich recht weitgehend versäumt, die Wirkungen des Tuns überhaupt in den Blickpunkt zu nehmen.

a) Ob dem Streiten über wahr oder falsch von Erkenntnis schaufeln uns die Macher dieser Welt den Boden unter den Füssen weg.

b) Der Pragmatismus wurde nicht nur in seiner amerikansichen Form als Utilitarismus verächtlich gemacht; man hat auch genuine Pragmatisten wie Herder, Nietzsche (in gewisser Hinsicht, allerdings a-sozial) und Simmel mies behandelt.

 

4. Als Grundannahmedrängt sich die Meinung auf, die Welt, jedenfalls die uns relevante planetarische Welt, sei ein System in offener Entwicklung (Heraklit, Herder). Mit einigen "Gesetzlichkeiten" oder nomothetischen Eindeutigkeiten (physiko-chemische gewisser starrer Aspekte der sog. Natur; formale von mathematischen und logischen Symbolkonstruktionen) sei sehr sicher zu rechnen; andere (biologische, psychologische, kulturelle: aus dem Leben und der "Symbol"konstruktion) emergierten jedoch gerade erst und eben aus ihrer Entwicklung und könnten somit nie eindeutig gewiss sein. Diese beiden Arten von Regelmässigkeit seien nicht gegensätzlich, sondern komplementär zu handhaben.

Die Herausbildung und Erhaltung von immer neuen Strukturen mit ihren Funktionsweisen in konsistenten Strängen in einem gemeinsamen Milieu könne mithin nur geschichtlich verstanden werden. Die strikten Gesetzlichkeiten ihrer isolierten Elemente gingen in die Kombinatorik ihres Zusammenspiels ein, seien aber dadurch keineswegs verletzt.

In der Zeit von jeder Gegenwart aus rückwärts zu rekonstruieren, nach vorne mit einer gewissen Konsistenz nicht beliebig, aber offen. Menschen im besonderen seien nicht nur Produkte, sondern auch mehr als andere Instanzen Mit-Produzenten geschichtlicher Stränge, immer ausgeprägter auch der sog. Natur.

4.1. Natur -- Kultur-Unterscheidung zunehmend ungültige Sicht

4.2. Herders erstmal im Zusammenhang wirklich neue systematische Weltsicht: evolutiv-einheitlich (Ablösung von Varianten wie Platons Timäus oder seiner Abkömmling einschl. Kant etc.: dualistisch à la wirklich und scheinwirklich, eigentlich und uneigentlich)

4.3. Symbolkonstruktionen (Logik bezw. Grammatik, Dialektik, Rhethorik) sind durchaus in einigen Hinsichten zwingend; in anderen aber enorm frei je nach den Konstruktionsbedingungen, von denen der Konstrukteur ausgeht.

a) Ihr Bezug auf Empirie ist vielleicht die grösste Schwachstelle der Wissenschaftsentwicklung --> Nominalismus im weiten Sinn

4.4. Schöpfer und Geschöpfe ihrer selbst sind Menschen (Herder, mit Vorgang bis zu den Kirchenvätern)

4.5. Während die Vergangenheit, insofern rekonstruierbar, eindeutig ist, bleiben in jeder Gegenwart viele Zukünfte möglich, von denen stets nur eine wirklich wird. Wenige von ihnen sind jeweils, was die unmittelbar nächsten Schritte betrifft, tatsächlich möglich und wahrscheinlich, für die Fernere Zukunft bleibt aber ein grosser Spielraum oder Kontingenz.

4.6. Ich werde darauf zurückkommen, dass eine solche Sicht eine andere Verantwortlichkeit auch für den einzelnen impliziert als Vertrauen auf die Richtigkeit von (angeblichen) Entwicklungsgesetzen

 

5. Aber warum sollten Menschen nicht, aus vergleichenden Perspektiven, betrachtet werden wie andere Strukturbildungen und ihre Wirkungen auch? Das allenfalls besondere an ihnen müsste dann nicht per Setzung definiert, sondern aus Vergleichsuntersuchungen inferiert und im Zusammenhang mit dem revelanten Umfeld, also ökologisch begriffen werden. Strukturbildungen ergeben sich in dialogisch-evolutiven Wechselspielen; dies entgeht dem Dilemma von Notwendigkeit und Zuall, wenn es Variation mit "wertender" Selektion ergänzt.

5.1. Können wir nicht beobachtend dieser Differenzierung, die unsere Wahrnehmung dem Figur-Grund folgend für uns macht, zwischen Menschen und dem Raum, Dingen folgen und trotzdem eine Konzeption entwickeln, wo das zusammen begriffen wird, was zusammengehört, weil es nachweisbare Wirkungen vom einen zum anderen impliziert?

 

5.2. Die (didaktische, aber auch heuristische) Metaphorik, die sich zum leichtern Verständnis dieser Betrachtungsweise anbietet, ist die Chemie (der grossen Moleküle). Sie ist, das wusste schon Herder, viel aufschlussreicher und weiterführend als die Mechanik (des Maschinendenkens, des Uhrwerks, welche ja vielleicht mehr vom Wollen als vom Erkennen her prominent geworden sind.

vgl. zB Borkenau, Franz (1934) Der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild -- Studien zur Geschichte der Philosophie der Manufakturperiode. Schriften des Inst. f. Sozialforschung Bd. 4. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 559 Pp. (Reprogr. Nachdruck 1988). 

a) Grosse Moleküle (in der Folge dann auch Zellen als relativ abgegrenzte Komplexe von miteinander funktionellen Molekülen; in der Folge Organismen, Organe; in der Folge Gesellschaften sind ja nicht naturnotwendig wie sie sind, sondern typisch historische Errungenschaften, mit der Fähigkeit zu (angenäherter) Replikation. Sie verletzen kein physiko-chemisches "Natur"-gesetz; aber sind ganz und gar Teil von Geschichte(n), nach Programmen gebildet, die sich allmählich gebildet haben und sich weiter erweitern.

Vielleicht war es ja das Unheimliche und Folgenreiche an den frühen Aufklärungs-Menschenbildern, dass die Einsicht, Gesellschaften seien nicht naturnotwendig, in die einzige Alternative umschlug, sie seien beliebig und also von Menschenhand und -geist einzurichten. Dass, wenn sie nicht naturnotwendig seien, dies implizierte, sie seien ohne eigene Ordnung, und deshalb sei ihnen Ordnung durch die Vernunft aufzuerlegen.

Dem steht klar die Einsicht entgegen, dass offene Evolution Ordnung generiert. Das evolutive Welt- und Menschenbild, wie es Ferguson, Diderot, Condorcet und andere erwogen und wie es Herder für Kulturevolution und die Lebenslaufevolution systematisch beschrieb, hatte aber weitere 2 Jahrhunderte keine Chance. Die damals mehr vermutete als erkannte und dann in der Zwischenzeit errungene Bioevolutionstheorie hemmte die Durchsetzung noch einmal, so scheint mir; den Evolutives schien nun einkapselbar im Biobereich, Geschichte jedoch schien notwendig oder zufällig, Lebensläufe geplant und durch widrige Umstände behindert.

b) Es ist nicht unangebracht, Organismen wie Menschen als Komplexe von grossen Molekülen zu begreifen. An Beispielen wie der Assimilation (Analyse und eigenbestimmte Synthese) oder präferentiellen Bindungen/Bildungen (sei es Nahrung oder Information oder Kommunikation über Pheromone und bis hin zu Partnerwahl etc.) und dem Immunsystem (als Abwehr gegen unbrauchbare Bindungsangebote) ist die ungeheure Selbständigkeit solcher Gebilde zu erahnen.

c) Solche Gebilde sind weder durchgängig vorgestimmt noch beliebig oder "frei", frei von Zwang, rein kontingent.

 

5.3. Damit stellt sich die Frage nach Bedingungen von Freiheit in einem engern Sinn, nämlich der Freiheit zu ... (vgl. unten 11: Freiheit von... und Freiheit zu ...)

 

6. Anstelle der unrealistischen Gegenübersetzung (prinzipiell freier) Subjekte und einer objektiven Welt notwendigen und zufälligen Charakters lässt sich eine evolutiven Sicht (auch die "Natur", sogar die physische, hat Geschichte) durchführen, wenn man die dyadischen Verursachungs- (Kausalität für die Natur: wenn A dann C) und Interpretationsvorstellungen (Semantik für den Geist: A bedeutet C) durch eine triadische Konzeption generativer Reihen und Netze (A im Verein mit B generiert oder aktualisiert C) ersetzt. Ich sehe eine solche Möglichkeit in der Semiotik von Charles Peirce angelegt. Nur triadische Relationen können Evolutives fassen; dyadische drehen sich bestenfalls im Kreis; mit Zufall wandeln sie beliebig. Die Idee einersemiotiven Weltkönnte den Gegensatz der objektiven und subjektiven Welten ablösen.

6.1. Freiheit in welchem Widerspruch zu Notwendigkeit (überstürzt in Kants Notwendigkeit der Freiheit?!)?

6.2. die nomothetische Physik, Chemie von der faktischen unterscheiden, der Naturgeschichte (Geologie, Klimatologie); analog in der Biologie

6.3. Semiose bezeichnet den Prozess (Semion die Struktur) der Darstellung des Zusammenkommens oder -wirkens von zwei in einem dritten.

a) o= (o Referenz, = Interpretanz, Präsentanz)

b) generative "Interpretation", dh neue Darstellung eines Bezugs:

6.4. Beispiele

a) Übersetzung

b) Wahrnehmen

c) deren Bestandteile: zB Umsetzung Licht in Neuronalprozess

d) Handlung

e) spektrales Licht -- eine sonnenhaftes oder farbsehtaugliches Auge-Sehsystem -- ein Farbhänomen

f) geschlechtliche Fortpflanzung

g) Grenzfall ist ein zufallmodifizierter Notwendigkeitsvorgang

6.5. Zeichenhaft ist etwas, das in und zusammen mit einem ihm affinen Milieu ganz andere Wirkungen hervorbringen kann als in jedem anderen.

- Das ist eine Zeichendefinition ganz andere Art als die übliche, die Zeichen und Bedeutung auseinandernimmt und sich damit die Pseudoaufgabe einhandelt, sie wieder zusammenzubringen, zB mittel Code-Begriffe, Messvorschriften, Zuordnungregeln, soziale Norm etc.)

6.6. Genesereihen, (Lewin 1922 und später, vg. 1982)

a) unterschiedliche, je nach Betrachtungsweise, zB der Physikochemie, verschiedener Betrachtungen des Biotischen, der Ökonomie von Waren und Geld, etc.

b) aber keine Konzeption wo etwas aus nichts kommen kann und in nichts verschwinden kann -- genau dass scheint der sog. Geist zu können

6.7. Warum beschränken sich die Semiotiker, wie wenn sie nichts als Hermeneutiker wären, mit ganz wenigen schüchternen Ausnahmen auf die Beschäftigung mit der Semiose als Deutungsprozess? Zeichenhaftes, bevor es interpretiert werden kann, muss doch produziert werden.

6.8. Das triadisch Relativ ist der allgemeine Fall (komplexere Relative scheinen darauf reduziert werden zu können) ...

6.9. ... von dem der dyadische eine Reduktion, einen Sonderfall darstellt

a) Habit, Gewohnheit

 

7. Die semiotische Ökologieuntersucht Lebewesen als werdende Strukturen in ihrer Umwelt als evolvierendes dynamisches System und zeigt dass die gleiche Konstruktion der Semiose sowohl die Strukturbildungender oder in denLebenwesen wie auch die Strukturbildungen in ihrer Umwelt zu beschreiben vermag und die für echte Entwicklung unabdingbaren Funktionen der Variation und der Selektion zu leisten vermag. Semiotisch lassen sich Prozesse und Strukturen in den Lebewesen (brain-mind; IntrA) und Vorgänge und Zustände in der Umwelt (insbesondere soziale und kulturelle Momente; ExtrA) und die hinein- (IntrO) und hinausgehenden Wirkungen (ExtrO) auf gleiche Weise begreifen.

 

7.1. Funktionskreis, zweiphasig, vierphasig

7.2. IntrO

7.3. ExtrO

7.4. IntrA

7.5. ExtrA

 

8. Aus den kosmisch-mineralischen Voraussetzungen emergierend lassen sich drei evolutive Bereicheunterscheiden (vgl. Lang 1988):

Strukturen und Prozess lassen sich in allen drei Bereichen mit der gleichen semiotischen Begrifflichkeit beschreiben; es unterscheiden sich bloss die Träger von variativen und selektiven Funktionen und die Art und Weisen ihres raum-zeitlichen Zusammenwirkens.

Die individuellen und die kulturellen Evolutionen setzen biotische voraus und können sie überformen; individuelle sind Voraussetzung zu kulturellen und gewinnt gerade durch sie so mächtig an Gehalt und Kraft, dass beim Menschen die kulturellen (gemeinsamen) Errungenschaften zu wesentlichen Bedingungen der individuellen (personalen) Potentiale geworden sind.

8.1. Was "Geist" etc. genannt wird, lässt sich als Zeichenstrukturen und -prozesse verstehen; denn solches wird nie ohne Träger angetroffen

8.2. Zeichenhaftes ist also nicht auf menschgemachte Symbole beschränkt, sondern bestimmt weitgehend das Geschehen im Bereich des Lebendigen.

a) Degenerierte triadische Prozesse, Habits, erscheinen von der Oberfläche her wie dyadische Relative

b) Man soll nicht meinen, biotische Zeichenprozesse seien stets ikonisch; die Körperformen, -haltungen, -zeichnungen von Tieren sind in ihren kommunikativen Zusammenhängen weitgehend genau so arbiträr wie Sprachzeichen (sie könnten ebenso gut anders sein, wenn nur der Lesende, also etwa die perzeptive Seite der Instinkte, entsprechend vorstrukturiert wären)

c) Was menschgenerierte Zeichen gegenüber den anderen gewinnen, scheint einzig in ihrer kompositorischen Zusammensetzung zu Superzeichen zu liegen, welche auf einfachste Weise eine Vervielfältigung ins praktisch Unendliche der Zeicheninventare und damit auch der Texte erlaubt. Die Möglichkeit der Kombinatorik kostet freilich den Preis der Verfestigung der Zeichen zu Zeichenklassen und damit ihre Sonderung aus den jeweiligen Kontexten.

8.3. Kontinuität, auf der alle Realisten stets so sehr beharrt haben, von Heraklit über Herder zu Peirces Synechismus)

 

9. Hat man einmal eingesehen, dass alle organismischen Strukturen und was auf ihnen aufbaut wie die kulturellen, ob mente- oder artefaktisch ("every thought ist a sign [...] life is a train of thoughts [...] man is a sign", Peirce 1868), als "aufbewahrte" Zeichencharaktere zu begreifen sind, mit einem mehr oder weniger spezifischen Wirkungspotential, das sich in geeigneten Kontexten später oder anderswo -- und nur in einem geeigneten Kontext -- entfalten kann, so ist auch der Gedanke naheliegend, dass es auf die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Zeichenstrukturen ankommt, was für Wirkungen sie entfalten können. Affinitätsgrade zwischen Zeichenstrukturen sind natürlicherweise eher hoch, wenn sie ein und demselben evolutiven Strom oder wenigstens in sich durchmischenden Traditionen entstanden sind. Auf diese Weise gewinnen relative Nähe und Kontingenz im Spielraum von Zeichenhaftem eine beträchtlich stärkere Rolle, insofern sich Zufall mit Präferenz oder Selektivität verbündet.

9.1. "[...] just as we say that a body is in motion, and not that motion is in a body, we ought to say that we are in thought, and not that thought is in us." (Peirce 1868, Some consequences of the four incapacities)

9.2. Artgenossen kennen einander; nur Artgenossen können sich paaren; nur Männchen der Art erkennen den Zustand ihrer Weibchen; nur mit entsprechenden Zeichen ausgestattete oder über entsprechende Erfahrungen verfügende Partner können einander angemessen einschätzen und Kampf oder Partnerschaft wagen oder vermeiden.

 

10. Das Wechselspiel der kulturellen und individuellen Entwicklungen mit ihren unterschiedlichen Zeithorizonten und dem ungemein reichhaltigen Inventar an unterschiedlich affinen IntrA- und ExtrA-Strukturen und Internalisierungs- und Externalisierungsverfahren (Wahrnehmen und Agieren) macht die im eigentlichen Sinn menschliche Kondition aus. Generell wird die Beweglichkeit und der innere Zusammenhang der IntrA-Strukturen im Durchschnitt grösser sein; die ExtrA-Strukturen, besonders der überdauernden, werden verlässlicher sein und, wie die Gene, leichter duplizierbar u.v.a.m. Insgesamt werden die Innenstrukturen von zusammenlebenden Individuen untereinander und mit den Haupteigenschaften ihrer gemeinsamen kulturllen Umwelt tendenziell hoch affin sein.

10.1. Deshalb sind beispielsweise Menschen zusammen mit Büchern oder Computern im günstigen Fall interessante Kombinate, wenn sie die Flüssigkeit der IntrA- mit der Sicherheit der ExtrA-Prozesse kombinieren können.

10.2. Ein akkumuliertes Individualgedächtnis lässt sich nicht wie ein Buch oder eine Maschine vervielfachen, sondern muss in jedem andern Individuum individuell neu aufgebaut werden, durch Enkulturation. Schulen sind deshalb (noch) nicht Klonierungs-Anstalten.

10.3. ...

 

11. Biotische Arten und kulturelle Traditionen in bestimmten Stadien sind durch ihnen mehr oder weniger eigene "Merk- und Wirkweisen" (von Uexküll 1906) gekennzeichnet, dh sie leben und gedeihen zwar in einer allengemeinsamen Welt, aber in ihrer je weitgehend eigenen Umwelt. Diese Lebewesen- bzw. Mensch-Umwelt- oder ökologischen Systeme enthalten stabilisierende Regulative und innovative Potentiale; die wichtigsten Änderungsimpulse stammen freilich aus Querwirkungen aus geringer affinen Nachbarsystemen. Grundsätzlich sind solche Systeme auf Widerständigkeit gegen ihre Umgebungen angelegt; diese erreichen sie durch relative Anpassung. Während bei biotischen Ökosystemen von der Welt nur gerade so viel und jenes in den Organismen und ihrer perzeptiven und aktionalen Ausstattung zur Darstellung zu kommen scheint, wie für ihre Fortpflanzung in einem Bereich von geeigneten Umgebungen nötig ist, haben Menschen ihre aktive Neugier derart entfaltet, dass sie die Umgebungen ihren Lebensmöglichkeiten und -präferenzen anzupassen lernten und damit der Spezies den Anpassungsdruck mildern und freilich auch von ihrer Widerständigkeit preisgeben.

 

12. Ökologische Systemesind prinzipiell asymmetrisch: in einem grösseren und mächtigeren Rahmensystem bilden sich Teilsysteme aus, die partielle aber relevante "Kenntnisse" über die Rahmensysteme haben und sich deswegen darin erhalten und mit relativer Freiheit bewegen können.

Je komplexer die organismischen und kulturalen Individual- und Kollektivsysteme werden, desto geringer abhängig werden sie von ihren unmittelbaren Umgebungsbedingungen; oder anders gesagt, desto mehr gewinnen sie Freiheitvon existentiellen Zwängen.

Während tierliche Instinkte artspezifisch ungeheuer effektive Bewältigungen des normalen Laufs der Welt ermöglichen, die aber in neuen Verhältnissen versagen, müssen Menschen vermehrt individuell -- freilich die Erfahrungen der kulturellen Tradition nutzend -- lernen, übliche und neue Verhältnisse glücklich zu antizipieren und darin geeignet fortzukommen. In der Vorbereitung für solche Situationen gewinnen sie Freiheitenzu "verbesserten" Lebensformen, vorteilsträchtigen oder humaneren.

Insofern (sub-)kulturelle Gruppen solche eigenen Regulations- oder Steuersysteme herausbilden und benutzen, können sie von ihnen selbst und von anderen als (kollektiv-)personhaft begriffen werden.

12.1. Dialektik des Allgemeinen und des Besonderen (Individuellen auf andere Weise) hier entscheidend

12.2. Vermutlich sollten wir Differenzierung lernen zwischen dem Ideal-Allgemeinen und dem Real-Allgemeinen

a) nur das Ideal-Allgemeine hat Notwendigkeitscharakter, Entweder-Oder

b) das Real-Allgemeine zeigt Grade der Annäherung -- der Mensch als Real-Allgemeiner kann verschieden "gut" verwirklicht sein

12.3. Freiheit von (die Wirkungsketten bekommen zunehmend "Pufferungen":

a) physisch: zB eine Ameise, welche durch den Wind oder ein anderes Tier geschubst wird

b) semiotisch zwingend: durch Pheromon zum Kämpfen, Nahrungholen etc. veranlasst

c) semiotisch mit Flexibilität: genau wie es kämpft, welches Blatt es einbringt, welchen Weg es auf der Ameisenstrasse geht, etc. zeigt schon eine kleine Uanbhängigkeit, die aus der Teilautonomie des Systems dieser Ameise folgt

d) semiotisch mit komplexerem Innensystem, dh der Ausbildung von teilautonomen Subsystemen: Tier balzt nicht immer, wenn es einen potentiellen Partner sieht, sondern nur wenn es in Stimmung (motiviert) ist: ein jahreszeitlich auf die günstigen Aufwachsbedingungen autonomisiertes motivationales Subsystem (zirkannualer Zyklus) überlagert das perz.-akt. Subsystem der Paarung

e) noch etwas komplexer mit Arten-Gedächtnis: Vogel(in) verwertet Anzeichen von der Qualität der Partner und vergleicht mehrere, kann warten, wählt denjenigen, auf der Basis von programmierten Vergleichen, dessen Anzeichen (zB relativ saubereres Gefieder) sich als korreliert mit Parasitenfreiheit erwiesen haben und somit der Nachkommenschaft, die dieses Anzeichen in die Instinktausstattung aufnahm, Fortpflanzungsvorteil gebracht hat

f) das geht auch sozial verteilt: zB in der Gruppe auf Nahrungsaufnahme konzentrierte Tiere sind weniger gefährdet, wenn ein Mitglied wacht statt zu essen, womit die eigene Feindaufmerksamheit jedes Einzelnen durch die des Delegierten ersetzt, die Aufmerksamkeitsorientierung auf dessen wohlbekannte Signale reduziert werden kann

12.4. Freiheit zu (die Wirkungsketten sind "gebrochen" insofern die aktuellen Einflüsse zu mehreren Folgeketten führen könnten (Herders Besonnenheit) und, wenn das Lebewesen nicht ewig zwischen ihnen erstarren soll, bewertet und arbitriert werden müssen.

a) ...

b) ...

 

13. Solche partiellen Sub- oder Sekundärsysteme scheinen sich auch in komplexen Zentralnervensystemen auszubilden und dies macht diese Lebewesen individuell personhaft. Stellt man sich vor, dass von vielen aber nicht allen lebenswichtigen Vorgängen, die als Spuren im Gedächtnis und als Grundlage seines Fortbestehens in einem Individuum zur Darstellung kommen partielle "Auszüge" in einem sekundären aber im ganzen System relativ integrierten "Abteil" dargestellt werden, so haben wir eine Struktur, die etwa dem Stab und der Kaderstruktur eines grossen Unternehmens oder einer Armee verglichen werden kann. Alle Details zu kennen, würde Entscheidungen und sinnvolle Anweisungen geradezu verunmöglichen; viel und wesentliches Kennen und in Planspielen u.dgl. ausprobieren verleiht aber dem Ganzen Vorteile, welche die biotische wie die kulturellen und die individuellen Evolutionen auf je eigene Weise sehr wohl errungen haben. So verhält sich Personalität zu Kulturalität wie Kulturalität zu Naturalität -- als steuerfähiges Sekundärsystem. Solche Strukturen bestimmen auf weite Sicht ihre eigene Geschichte mit. Menschen sind mithin ihre eigenen Schöpfer und Geschöpfe (Herder 1774, 1797).

13.1. [vgl. separaten Text: Sekundärsysteme aus: Grundfragen der Allgemeinen Psychologie]

 

14. Eine dialogisch-evolutive Auffassung von Person scheint mit den Voraussetzungen der abendländischenRechtsentwicklung in Kollision, insofern diese theoretisch auf der unabdingbar gesetzten Personhaftigkeit des Individuums beruht, praktisch freilich ständig mit ihren unsicheren Rändern bei den realen Individuen "kämpft" und vor allem den Problemen kollektiven Existierens und Handelns kaum gerecht wird.

14.1. zB Die Erweiterung der Menschenrechte durch Gruppenperspektiven

Galtung, Johan (1994) Menschenrechte -- anders gesehen. übersetzt von Georg Günther. stw 1084. Frankfurt a.M., Suhrkamp. 235 Pp.

 

15. Man hat nicht und ist nicht Person, sondern wirdlebenslang in unterschiedlicher Weise personhaft.

15.1. Wer oder was könnte denn so etwas wie Person haben? Und wer oder was könnte dieses Person habende haben ... ? (Regressproblem)

15.2. Oder hat man Person, wie man sich irgendetwas zulegt oder zugelegt bekommt: wie Dinge, Kleider, Immobilien, Unternehmen, irgendwelche Einrichtungen? Das "eigene Ich" als die pervasivste Institution der Industriegesellschaften. Als schöneres Kompensativ unserer Versklavung durch die Institutionen der Arbeitswelt.

15.3. Wäre man Person: nach welchen Kriterien denn? Nach biologischen als Angehöriger der Spezies? Nach kulturellen durch Sprachkompetenz (in welcher Sprache, mit welchem Komptenzgrad)? Oder wie sonst abzugrenzen?

a) Seltsam, dass die abendländisch Rechtstradition, die so auf die Vernunft setzt, die Definition des Menschen als Klassenbegriff ausschliesslich auf ein recht diffuses biotisches Kriterium abstellt, nämlich von Menschen geboren zu sein. Menschsein kann faktisch alles andere als kategorial abgegrenzt werden. Weder Föten noch Kleinkinder haben Vernunft, ebensowenig Idioten oder stark Hirngeschädigte; ja wohl nicht einmal extrem emotional Erregte oder sonst in Ausnahmezuständen Befindliche. Das ist eine tolle Perversion des Essentialismus, wie praktisch immer sie sein mag

15.4. Personhaftwerden ist ein nicht abschliessbarer und nicht zwingend einheitlicher Prozess. Einfliessende und ausfliessende Phasen und Rekursionen setzen ein sozio-kulturelles Feld voraus, von dem Personhaftes ein auf Individuen oder Gruppen oder Institutionen orientierter Teil ist und stets nur relativ und in verschiedenster, stets kontextbestimmter Weise heraussteht oder in Semionen-Komplexen (Texten, einschliesslich Lebewesen) als Potential "wohnt" und aktual zu Wirkungen kommt.

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